|
Was ist Aikido?
Aikido gehört zu den traditionellen japanischen Kampfkünsten des BUDO
(Aikido, Iaido, Jodo, Kyudo, Judo, Karatedo, Kendo...) und gilt als wirksames System der Selbstverteidigung
gegen einen oder mehrere unbewaffnete oder bewaffnete Angreifer.
Um Aikido als Selbstverteidigungsform wirksam UND im Sinne des Aikidos anwenden zu können gehört allerdings ein jahrelanges,
wenn nicht jahrzehntelanges Training.
In dieser Zeit wird ein Gefühl für den richtigen Abstand zum Angreifer und das richtige Timing (Maai) entwickelt.
Weiters muss unser Körper die Techniken im Bedarfsfall automatisch von selber und ohne nachzudenken anwenden können,
dass funktioniert nur mit regelmäßigem Training.
Auch das Prinzip "ohne Gewalt und mit wenig Kraft" - kämpfen ohne zu kämpfen, so paradox das klingt -
einen viel kräftigeren Angreifer zu kontrollieren, gilt es sich zu erarbeiten
(Hier haben Frauen im Aikido oft einen Vorteil gegenüber Männern).
Warum Aikido?
Was mich vom ersten Moment an am Aikido fasziniert hat war auf der einen Seite die Schönheit, Eleganz und Effektivität der Bewegung und
auf der anderen Seite, dass der Angreifer nicht als böser, vernichtenswerter Gegner gesehen wird.
Im konkreten Fall habe ich Anfang der 90er Jahre bei einer Budo-Gala in Linz,
bei der unterschiedliche Kampfsportarten wie Judo, Karate, Taekwondo usw. gezeigt wurden, auch die Kampfkunst Aikido gesehen.
Hier wurde mittels Messer-Angriff eine Aikido Technik (Shiho Nage Ura) demonstriert -
Stich mit dem Messer in den Bauch, eine schnelle Drehung, der Angreifer liegt am Boden, das Messer in der Hand des Verteidigers...
was ist da passiert? Es ist alles so schnell gegangen.
Mit einer respektvollen Geste gibt der Verteidiger dem Angreifer das Messer zurück. Wer bitte macht den so was?
Dem Gegner eine Waffe mit der man tödlich verletzt werden kann wieder zurückgeben?
Der nächste Angriff, wieder landet der Angreifer am Boden. Das alles hat mich schwer beeindruckt.
Was fasziniert mich heute am Aikido?
- Immer noch die Schönheit, Eleganz und Effektivität der Bewegung.
- Es gibt anscheinend kein Ende, man kann Aikido sein ganzes Leben lang betreiben und lernt nie aus.
Meister Tamura ist bis kurz vor seinem Tod (2010)
im Alter von 77 Jahren immer noch über die Matte gerollt.
- Aikido fördert die Kondition, sowohl die Schnellkraft als auch die Ausdauer.
- Aikido fördert die Wahrnehmung, nicht nur die die für das Training benötigt wird.
- Aikido fordert den Geist, manchmal ist man geistig erschöpft, weil der neue Bewegungsablauf anspruchsvoll war...
- Aikido fordert Geduld sich selbst gegenüber, anders könnte man die Anfängerphase nicht überstehen.
- Im Grunde sind Aikidotechniken einfach. Keine überflüssigen Bewegungen, diese Einfachheit muss man sich erarbeiten.
- Im Dojo trifft man nette Menschen, Freundschaften entstehen.
- Auf Lehrgängen trifft man andere Aikidoka, an denen man sich manchmal die Zähne ausbeißen kann...
- Andere Budo Künste, Jodo oder Kyudo zum Beispiel, legen großen Wert auf einen stark ritualisierten Ablauf der Bewegung,
das steigert wiederum die Schönheit und Eleganz, man kann versuchen das ins eigene Aikido einfließen zu lassen.
Wie übt man Aikido?
Aikido ist eine Kampfkunst, wir kämpfen beim Trainieren allerdings weder mit noch gegeneinander, sondern üben miteinander.
Das heißt aber nicht das ein Aikido Training bequem und gemütlich ist, nach einem Schnuppertraining ist das den meisten klar.
Beim Üben geben sich beide Partner gegenseitig die Möglichkeit an ihrer Technik mit dem momentanen Wissen und Können zu arbeiten.
Diejenigen die schon länger Aikido üben nehmen Rücksicht auf die, die noch nicht so weit sind.
Einige Übungen im Aikido haben einen rein bildungsbezogenen Wert und eignen sich von vornherein nicht als Selbstverteidigungstechnik.
D.h. diese Übungen sind nur dazu da um einen bestimmten Aspekt näher zu beleuchten, der dann in anderen Techniken einfließt.
Die Rolle des Angreifers und des Verteidigers sind vorgegeben und werden nach vier Angriffen getauscht (links-rechts-links-rechts Rollentausch...).
Die Technik des Angriffs und der Verteidigung werden in der Grundschule ebenfalls vorgegeben.
Der Uke liefert dem Tori einen ordentlichen Angriff mit dem dieser auch arbeiten kann,
d.h. ein Fauststoß in den Magen geht auch in den Magen und stoppt nicht 5 cm vorher,
die Kraft und Geschwindigkeit des Stoßes wird an sein eigenes und an das Können des Partners angepasst.
Die Angriffe sollen so erfolgen das sie im Ernstfall auch treffen und weh tun/verletzen würden,
gegen halbherzige Angriffe bräuchte man sich sonst auch nicht wirklich verteidigen.
Es geht darum zu lernen sich gegen einen echten Angriff zu verteidigen.
Kihon, die Grundschule, dient dazu sich die technischen Grundlagen zu erarbeiten,
die Parallelen zwischen den Techniken kennen zu lernen, die Prinzipien zu erforschen und
ein Gefühl für die richtige Distanz, Timing und Dynamik zu entwickeln.
Dieses "Üben" im Ernstfall anzuwenden ist etwas ganz anderes. Aikido ist kein Selbstverteidigungskurs und auch kein Wettkampfsport.
Aikido und Selbstverteidigung?
Um Aikido als Selbstverteidigungsform anwenden zu können brauchst du ca. 5 bis 10 Jahre Training.
Wenn das der einzige Grund ist Aikido erlernen zu wollen, wird dir wahrscheinlich nach kurzer Zeit die Geduld ausgehen.
Selbstverteidigung kann ein Nebenprodukt des Aikidotrainings sein.
Es kommt auch darauf an in welchem Dojo du Aikido lernst. Wenn vor der martialische Komponente und damit vor dem Ursprung des Aikidos, verweigert wird,
wenn die harmonische Komponente überbetont wird, kann das mit der Selbstverteidigung auch nichts werden.
Zitat Yamada Sensei: "Aikido is the way of harmony - but not too much harmony...".
Selbstverteidigung beginnt auch schon bevor man sich in einer gefährlichen Situation wieder findet.
Wenn du regelmäßig trainierst steigt dein Selbstbewusstsein, du weißt, dass du dich Notfalls wehren kannst.
Deine Ausstrahlung ändert sich und du wirst als "Opfer" zunehmend uninteressant.
Als Aikidoka hast du gelernt, dass es nicht ums Kräfte messen geht, Notfalls kannst du ausweichen und warten bis dem Angreifer die Luft ausgeht,
und das geht schneller als man denkt.
Aikido im Ernstfall wird auch nicht so schön aussehen wie auf der Matte,
die Prinzipien des Aikidos können aber angewendet werden und genau das ist es was so lange dauert diese in den Körper rein zu bekommen.
Zum Hintergrund des obigen Videos: Das Video wurde in den 1950er Jahren von einem amerikanischen Team aufgenommen und einer der Reporter probiert Aikido aus.
Hier der Start des Videos (auch Tamura Sensei ist hier noch in jungen Jahren zu sehen)
"Harmonie... die Kraft des Angreifers nutzen..." das alles sind Worte die erst körperlich umgesetzt werden müssen und das dauert...
Das richtige Alter um mit Aikido zu beginnen
Wie immer, je früher desto besser. Grundsätzlich aber so ca. zwischen 15 und 30.
Später ist der Körper nicht mehr so geschmeidig und regenerationsfähig um Ukemi zu erlernen.
Es macht wenig Sinn mit 50 und einem steifen Körper mit dem Aikido zu beginnen.
Das heißt nicht, dass man mit 60 nicht mehr Aikido machen kann, nur das Beginnen in späteren Jahren ist "eher schwierig".
Verletzungen im Aikido
Die Verletzungsgefahr im Aikido ist nicht zu unterschätzen. Aufgrund des Körperkontakts und der Dynamik der Bewegungen entstehen schnell
gefährliche Situationen die zu Verletzungen führen können.
Die Verletzungsgefahr ist natürlich aufgrund der fehlenden Erfahrung für Anfänger größer
und noch größer wenn zwei Anfänger aufeinander "stoßen".
Gründe für Verletzungen sind oft
- Selbstüberschätzung (Ego),
- Übertriebener Ehrgeiz (Ego),
- unangemessenes zu heftiges reingehen bezogen auf sein eigenes Können oder das des Partners (Ego),
- stärker oder besser sein zu wollen als der andere (falsch verstandenes Verhältnis zwischen Uke und Tori...) (Ego),
- falsche Ausführung der Technik,
- falsches Ukemi,
- Übermüdung bzw. Nachlassen der Konzentration,
- zu wenig Achtsamkeit für die Umgebung (zwei nebeneinander trainierende Paare werfen ihre Ukes jeweils (fast) gleichzeitig auf den gleichen Ort,
- ...
Verletzungen die ich seit 2004 in meiner Umgebung (oder selber...) mitbekommen habe:
- Blaue Flecken, kleinere Schürf- oder Kratzwunden (das kommt häufiger vor)
- Verletzungen der Finger oder Zehen (zusammenstoßen)
- Verletzungen der Füße (umböckeln, umknicken, stolpern...)
- Knieverletzungen (drauf stürzen)
- Schulterverletzungen (meistens falsches Ukemi)
- Platzwunde am Kopf (aus einem geraden Schnitt von oben mit dem Bokken wurde eine 'Banane' die an der Deckung vorbei ging...)
- Gebrochenes Schlüsselbein (überehrgeiziger Anfänger wurde zu heftig geworfen, falsches Ukemi...)
- Verrenkte Wirbel
- ...
Verletzungen sind ein Thema mit dem man umgehen lernen muss.
Man kann verletzt werden und man kann selber jemanden verletzen, das gehört zum Budo dazu (damit meine ich nicht, dass es gleichgültig ist).
Wenn jemand oft verletzt ist oder oft Grund einer Verletzung ist, sollte dieser sich über die Ursachen Gedanken machen.
Auch kleinere Verletzungen bewirken oft eine Wochenlange Zwangspause.
In dieser Zeit geht Kondition und Gefühl fürs Aikido verloren, dass dann wieder über Wochen zurückerkämpft werden will.
So verstreicht schnell ein Vierteljahr... Auch ein Grund für Aikidoka sich lieber nicht auf sinnlose Raufereien (wo auch immer) einzulassen.
Gedanken zum Thema Verletzungsgefahr minimieren
- Auf sich selber achten! Werde ich müde? Lässt meine Konzentration nach? Habe ich generell einen schlechten Tag? Bin ich überdreht?
- Auf Anfänger achten! Wie fällt er? Überehrgeizig? Behandelt er andere zu forsch? Hat er ein Gefühl dafür was er macht?
- Schnupperer etwas genauer überprüfen (Bei uns tauchen manchmal Leute auf die vor kurzem operiert wurden???)
- Auf die Umgebung achten. Wer trainiert, wie, neben mir? Freien Platz suchen.
- Nach außen werfen, d.h. die Ukes fallen nicht zueinander sondern voneinander weg.
- Wenn's zu eng auf der Matte und geworfen wird, die Leute in Gruppen einteilen.
- ...
Fazit
Die Themenbereiche Ego und Aufmerksamkeit stechen hier ins Auge.
Aufmerksamkeit ist ein Prinzip des Aikidos und Teil der Etikette.
Die Etikette ist nicht für sich da (oder notwendiges Übel), sondern wie man am Beispiel Verletzungen sehen kann, bildet sie essentielle Prinzipien,
in diesem Fall der Kampfkünste, ab. (Vielleicht später ein eigenes Kapitel dazu...).
Im Fall der Ego bezogenen Verletzungsgefahr hilft 'sich zurücknehmen'.
Das heist als Tori den Uke nicht mit aller Gewalt ums Eck biegen, weil etwas nicht so geklappt hat wie gewünscht oder umgekehrt als Uke die Techniken des Toris nicht bösartig vereiteln.
Antipathien, Fehler, Mißverständnisse, Unvermögen und scheitern aushalten/ertragen lernen. Zusammenarbeiten!
Um ein Training sicherer zu gestalten sind im Grunde alle Beteiligten gefordert.
Die Trainer um die Rahmenbedingungen vorzugeben und insbesonders auf die Anfänger und Schnupperer zu achten,
die Fortgeschrittenen um die Trainer dabei zu unterstützen, weil ein Trainer kann nicht gleichzeitig auf zehn Leute achten
und natürlich ist jeder letztendlich für sich selber verantwortlich, für das was er macht und mit sich machen lässt.
Aikido anfangen, Anfängerschwierigkeiten
Wie? links oder rechts? Falscher Fuß! Falsche Hand! Falsche Richtung! Nach außen, nicht nach innen.
Das werd ich nie begreifen...
Ich bin zu dumm dafür...
Solche oder ähnliche Gedanken gingen jedem der mit Aikido angefangen hat durch den Kopf.
Und am nächsten Tag der Muskelkater, der hält vielleicht noch ein paar Tage an. Will ich mir das wirklich antun?
Früher oder später kommen dann noch die klassischen Waffen dazu, Bokken, Jo und Tanto.
Waffen sind nicht jedermanns Sache, abgesehen vom Umgang damit.
Tipps für Anfänger:
- Geduld, Geduld, Geduld.
- Sich mit ganz kleinen Fortschritten zufrieden geben.
- Nicht zu viel auf einmal wollen.
- Aikido lernt man nicht in ein paar Monaten, auch nicht in einem Jahr.
- Durchhalten, der Muskelkater wird besser wenn man sich einmal an die Bewegungen gewohnt hat und regelmäßig trainiert.
Aikido ist kein Breitensport, nach ein paar Mal trainieren weißt du ob es dir liegt oder nicht.
Ob Aikido etwas für dich ist, musst du letztlich selbst entscheiden.
Aikido Anfängerkurs Oktober 2011
Das Enshinkai Aikido Dojo Linz
veranstaltet heuer wieder einen Anfänger Kurs.
Der Kurs startet am Dienstag den 4.10.2011.
Weitere Informationen und Kurs-Anmeldung.
Teilnahme an Aikido, Aiki-Ken/Ken-Jutsu, Aiki-Jo Lehrgängen bei...
Tamura Nobuyoshi Sensei, 8.Dan Aikikai Shihan (EU)
Yamada Yoshimitsu Sensei, 8.Dan Aikikai Shihan (USA)
Malcolm Tiki Shewan Sensei, 6.Dan Aikikai
Pascal Krieger Sensei, Shinto Musô Ryû Jodo Menkyo Kaiden, 5.Dan Iaido, 4.Dan Judo, 10.Dan Shodo (Shihan)
Suga Toshirô Sensei, 7.Dan Aikikai
Fukakusa Motohiro Sensei, 8.Dan Aikikai, Shihan Thailand
René Van-Droogenbroeck Sensei (VDB), 7.Dan Aikikai
Christian Tissier Sensei, 7.Dan Aikikai
Stéphane Benedetti Sensei, 6.Dan Aikikai
Jaff Raji Sensei, 5.Dan Aikikai
Claude Pellerin Sensei, 7.Dan Aikikai
Dominique Pierre Sensei, 5.Dan Aikikai
Autor: Ernst Greiner (1.Dan) [ egreiner(at)ieg.at ]
Videos
Aikido Gründer Ueshiba und seine Nachkommen
Japanische Meister
Europäische Meister
Aikido aus einer zweifelnden Perspektive
Budo
Fallschule (Ukemi)
Fallschule für Fortgeschrittene
Waffen (Jo - Stock, Boken - Schwert, Tanto - Messer)
Iaido
Lesenswertes
Interview mit Meister Nobuyoshi Tamura,
Shumeikan Dojo Wien, Mai 2000
Interview mit Meister Nobuyoshi Tamura,
Shumeikan Dojo Wien, April 2001
Fotos
|